Bünzli

Wehe, jemand bezeichnet uns als Bünzli

Aufregung wegen TV-Beitrag Die Ukrainerin Olha Petriv bringt ihren geflüchteten Landsleuten im «Blick TV» die Schweiz näher. Nun hat sie aufs Bünzlitum hingewiesen und damit einen wunden Punkt getroffen.

Denise Jeitziner (Der Bund, 6.7.22)

Eine der wichtigsten von vielen Regeln in der Schweiz: Du sollst Einheimische nicht als Bünzli bezeichnen. Vor allem nicht, wenn du aus dem Ausland kommst. So wie die ukrainische Journalistin Olha Petriv. Die 36-Jährige ist nach ihrer Flucht in die Schweiz von «Blick TV» engagiert worden. Seither erklärt sie ihren Landsleuten die Schweiz.

Solange sie dabei von hilfsbereiten Einheimischen, saftigen Alpwiesen oder dem Ex-Mister Schweiz Renzo Blumenthal spricht, ist die Welt in Ordnung. So was hört man ja ganz gern. Mit ihrem jüngsten TV-Beitrag hat Petriv aber einen wunden Punkt getroffen. Weil sie darin von vielen «seltsamen Dingen» spricht.

Kein Lärm in der Nacht

Zum Beispiel, dass man zwischen 22 Uhr am Abend und 6 Uhr in der Früh nichts tue, was die Nachbarschaft stören könnte. Also nicht Wäsche waschen, nicht mit Absatzschuhen durch die Wohnung stöckeln. Auch nicht an Sonn- und Feiertagen. Oder ein nächtliches Bad nehmen.

Ausserdem müsse man in der Schweiz immer pünktlich sein. Es werde alles geregelt und geplant, das Abendessen stehe Punkt 18 Uhr auf dem Tisch. Und statt mit Salz werde mit Aromat gewürzt, das werde teilweise sogar in die Ferien mitgenommen.

«Solche Regeln haben nur die Schweizer», resümierte die Ukrainerin in einer gedrosselten Lautstärke (weil in der Schweiz spreche man leiser). Sie hätten sogar ein eigenes Wort dafür: «Bünzlitum». Und am Ende des Beitrags streute sie sich Aromat – den «Geschmack des Bünzlitums» – über geschnittene Tomaten. Vielleicht, um damit ihre Integrationsbereitschaft zu demonstrieren. Vielleicht aber auch, um klarzumachen, dass ihr Beitrag augenzwinkernd gemeint ist.

Aber da war die Internet-Community bereits in Rage, denn über Schweizer Eigenarten macht man sich nicht lustig. Auch nicht ein bisschen. Solle sie doch wieder zurück in die Ukraine, «wenn es ihr hier nicht passt», steht in den Kommentaren, die besonders viel Zustimmung erhalten. Ein anderer wählte die Strategie «Konter». In der Ukraine gebe es «haufenweise von Korruption zerfressene Menschen». Da sei ihm das Schweizer Bünzlitum geradezu sympathisch.

Vereinzelte tadelten den «Blick»: Es sei fragwürdig, die Schweizerinnen und Schweizer mit einem solchen Beitrag gegen die Menschen aus der Ukraine aufzuhetzen. Und wenig verärgert die hiesige Bevölkerung heftiger als das B-Wort. «Die Schweiz nimmt es immer als persönlichen Angriff», kommentierte einer die beleidigten Reaktionen. Und ein anderer: «Ein richtiger Schweizer wird sofort muff und ist tief beleidigt.»

Warum eigentlich? Andere Nationen reagieren auch nicht so betupft, wenn sie als theatralisch (Italien), arrogant (Frankreich), oberflächlich (USA), einsilbig (Finnland), nörgelnd (Deutschland) und so weiter bezeichnet werden. Wir hingegen sind beleidigt, dass unsere Nationaltugend gegen uns verwendet wird. Dabei versuchen wir doch nur, uns an bestimmte Regeln zu halten.

Fürs Korrektsein kritisiert

Verwerflich ist das nicht, aber auf der Coolness-Skala liegen wir damit nun mal ganz unten. Denn mit unserer Korrektheit sind wir das Gegenteil von Leuten, die alles nicht so eng sehen. Die auch mal laut oder sonst wie unangepasst sind. Die Wäsche waschen, wenn sie schmutzig ist, und den Rasen mähen, wenn sie Zeit beziehungsweise Lust haben.

Es ist wie damals in der Schule. Da waren nicht die Braven die Helden, sondern jene, die verschliefen, mitsamt Ausreden zu spät kamen, die Lehrpersonen nicht ernst nahmen. So sind wir nicht. Aber das ist total okay. Immerhin trichtern wir ja auch unseren Kindern ein, anständig, rücksichtsvoll und pünktlich zu sein. Warum also sollten wir uns als Erwachsene deswegen angegriffen fühlen? Nicht ohne Grund schwärmen viele von der Schweiz als sicheres, sauberes, ruhiges Paradies. Das haben wir auch unserem Bünzlitum zu verdanken. Seien wir doch stolz drauf.

Quelle Der Bund 6.7.22