Amateur oder Profi?

Die Tramhalle im Höhenflug

Foto: die Zytglöggeler in Meiringen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Amateur und einem Profi? Ist ein Theater besser, wenn die Darsteller eine Schauspielschule besuchten? Diese Fragen am Volkstheaterfestival zu beantworten ist schwierig, denn das Niveau der Produktionen in Meiringen darf sich mit dem von grossen Häusern vergleichen. Oder anders herum: Die ehemalige Tramhalle ermöglicht künstlerische Höhenflüge, wie sie es sich nie hätte träumen lassen – vorausgesetzt, Tramhallen träumen.

„Kunst“

Serge kauft ein Bild mit weisser Farbe auf weissem Hintergrund – ein Augenzwinkern an die monochromen Bilder von Yves Klein. Ist das Kunst? Bis zum Schluss des Stücks von „StuckaTOUR“ wird diese, aber werden auch viele andere Fragen nicht beantwortet, obwohl verzweifelt nach Antworten gesucht wird. Das liegt auch daran, dass die drei befreundeten Männer auf der Bühne in drei Monologen gefangen sind, aneinander vorbei reden. Das Stück von Yasmina Reza weist kaum Handlung auf und ist dennoch voller Spannung, emotional und packend. Dafür sorgen die Darsteller, die diese schwierigen Rollen meisterhaft beherrschen. Eine schauspielerische Leistung, der das aufmerksame Publikum lange applaudiert

„Der Kuss der Spinnenfrau“

Was machen zwei Menschen in einem Gefängnis, eingesperrt auf engstem Raum? Kommen sie sich näher? Gehen sie sich auf die Nerven? Trotz der grossen Unterschiede der zwei Darsteller von „nota bene“ entwickeln sich im Stück farbige, lebhafte Dialoge. Es geht um Menschlichkeit, um Empathie, Idealismus, Liebe und Zärtlichkeit, um nur einige zu nennen. Die beiden Figuren wachsen einem ans Herz, bis zur ersten Wendung vor der Pause und dann folgen die Überraschungen bis zum Ende. Überrascht, dass das Publikum am Ende stehend applaudiert? Überrascht, dass am Festival so hervorragendes Theater geboten wird? Überhaupt nicht, denn wir sind ja in Meiringen.

Thomas Raaflaub