Muri-Gümligen

Diese Berner Gemeinden hiessen früher mal anders

Von Biel bis Interlaken Muri liebäugelt mit einem Namenswechsel. Die Gemeinde wäre nicht die erste im Kanton, die sich umbenennt. Ein Blick zurück zeigt: Das Thema ist delikat.

Christoph Albrecht (Der Bund, 21.4.22)

Heisst «Muri bei Bern» bald «Muri-Gümligen»? Gut möglich. Der Berner Vorort überlegt sich derzeit ernsthaft, ob er seinen offiziellen Gemeindenamen abändern soll. In der bisherigen Bezeichnung werde der eigentlich grössere Ortsteil Gümligen ignoriert, lautet die Hauptkritik. Zudem führe der heutige Name zu ärgerlichen Verwechslungen mit dem aargauischen Muri.

Der Weg zum neuen Namen wäre für Muri zwar einigermassen lang und bürokratisch. Möglich ist eine Umbenennung für eine Gemeinde aber durchaus – und gar nicht einmal so selten. So wechselten im Kanton Bern gemäss dem Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) seit 1860 insgesamt 20 Gemeinden ihren Namen, unabhängig von Fusionen.

Wir haben die interessantesten und skurrilsten Beispiele herausgepickt.

Interlaken

Bei kaum einem Ort scheint sein Name so naheliegend wie bei Interlaken. Die Gemeinde liegt zwischen dem Thuner- und dem Brienzersee, also «inter lacus», was auf Lateinisch so viel bedeutet wie «zwischen den Seen». Der weltberühmte Ort musste sich seinen heutigen Namen allerdings richtiggehend erkämpfen.

Bis 1891 hiess Interlaken offiziell Aarmühle – abgeleitet von der Aare, die durch den Ort fliesst und die beiden Seen miteinander verbindet, und der früheren Mühle beim Schloss. Mit der Bezeichnung war man aber je länger, je unglücklicher – und wollte ihn gegen Ende des 19. Jahrhunderts schnellstmöglich loswerden.

«Aarmühle ist ein unhaltbarer Name geworden», klagte der Gemeinderat in seinem damaligen Antrag an den bernischen Regierungsrat. Mit der Zunahme des Fremdenbesuchs im Berner Oberland habe sich der eingängigere Name Interlaken längst durchgesetzt. Auf dem eigenen Poststempel, den Landkarten, den Schiffsfahrplänen: Überall sei er gebräuchlich.

Der Regierungsstatthalter, der den Antrag damals vor dem Regierungsrat noch prüfte, wollte dem Begehren zunächst aber nicht nachkommen. Er bezeichnete Aarmühle in seiner Empfehlung als «ebenso historisch, alt und ehrwürdig wie der Name Interlaken» und die Gründe für eine Umbenennung als «nicht stichhaltig». Er sei deshalb «so frei, auf Abweisung des Gesuches anzutragen». Der Regierungsrat sah das jedoch anders als der Statthalter – und segnete den Namenswechsel ab.

Ganz vergessen ist der frühere Name Aarmühle indes bis heute nicht. So sprechen Einheimische gerne von «Rameli», wenn sie Interlaken meinen. Dieser Name ist durch eine Lautverschiebung aus «Aarmühli» hervorgegangen.

Urtenen-Schönbühl

Die aktuellen Diskussionen in Muri erinnern stark an den Fall Urtenen-Schönbühl. Die Gemeinde hiess früher nur Urtenen. Zwar gab es dort schon immer auch den Ortsteil Schönbühl, dieser bestand früher aber lediglich aus ein paar Häuschen.

Mit der Autobahn, die in den 1960er-Jahren gebaut wurde, änderte sich das schlagartig. In Schönbühl siedelten sich Betriebe an, es entstanden Einkaufszentren und auch Wohnungen. Bereits in den 1980er-Jahren überholte Schönbühl Urtenen einwohnermässig. Heute wohnen rund 60 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner in Schönbühl.

«Schönbühl wurde mit dem Aufschwung für alle ein Begriff, während Urtenen bei Auswärtigen kaum mehr bekannt war und ins Hintertreffen geriet», schreibt die Gemeinde. Für die Bewohner beider Ortsteile sei dies unbefriedigend gewesen. Es gab Unklarheiten, Missverständnisse und Verwechslungen der Ortsteile. «Dies war dem Image, der Identität und dem Zusammenhalt der Gemeinde nicht förderlich.»

Um die Jahrtausendwende reagierte der Gemeinderat und schlug einen Namenswechsel zu Urtenen-Schönbühl vor, bei dem «beide Ortsteile ausgewogen gewichtet» sind. 2003 stimmte die Gemeindeversammlung – mit einzig drei Gegenstimmen – der neuen Bezeichnung zu.

Biel/Bienne

Bis 2005 hiess die zweitgrösste Stadt des Kantons offiziell Biel (BE). Seither lautet die behördliche Schreibweise Biel/Bienne und beinhaltet nebst dem deutschen auch den französischen Namen. So weit, so unspektakulär. Hinter der geringfügigen Anpassung stecken allerdings nicht nur acht Jahre, sondern auch jede Menge Emotionen, Debatten und Gutachten.

Doch der Reihe nach: Ab den 1990er-Jahren forderte die französischsprachige Minderheit in Biel vermehrt Gleichbehandlung ein – und bekam diese auch schrittweise. Zunächst wurde Biel 1996 formell zur zweisprachigen Stadt erklärt. Dann sollte auch der Ortsname entsprechend angepasst werden.

Doch man zerbrach sich den Kopf wegen eines Satzzeichens. «Der grosse Streitpunkt war, ob man zwischen Biel und Bienne einen Bindestrich oder einen Schrägstrich setzen soll», erinnert sich Hans Stöckli, Berner Ständerat und zwischen 1990 und 2010 Bieler Stadtpräsident. Eigentlich war ein Bindestrich vorgesehen. «Ein solcher ist auf den ersten Blick ja auch sympathisch, da er verbindet», so Stöckli.

Die Welschen gingen jedoch auf die Barrikaden. Den angekoppelten französischen Namen «Bienne» empfanden sie bei dieser Schreibart als blosses Anhängsel des Hauptnamens «Biel». Auch Hans Stöckli fand den Bindestrich suboptimal. «Man kann nicht etwas verbinden, das das Gleiche ist.» Sogar im Stadtparlament habe es heisse Diskussionen zum Thema gegeben. Sie sollen bis zur Frage geführt haben, wie sich der neue Name beim Eishockeymatch am besten schreit.

Stöckli liess verwaltungsinterne Gutachten erstellen, beauftragte Sprachwissenschaftler mit der Angelegenheit. Sie kamen zum Schluss: Der Schrägstrich eignet sich am besten, weil er beide Namen gleichbedeutend erscheinen lässt. Und so fällte der Gemeinderat «nach langem Hin und Her» schliesslich den Entscheid für den neuen Namen: Biel/Bienne.

Interessanterweise haben die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gar nie die alte Schreibweise Biel (BE) verwendet, sondern die Bahnhofsschilder seit je zweisprachig beschriftet – wenn auch nicht einheitlich. Historische Bilder zeigen, dass zwischen «Biel» und «Bienne» mal ein Schrägstrich, mal ein Bindestrich stand.

Kriechenwil

Dicki – diesen eigentümlichen Namen trug Kriechenwil bis ins Jahr 1959. Wollten die Einwohnerinnen und Einwohner die unvorteilhaft klingende Bezeichnung kurzerhand loswerden und ihren Ort deshalb umbenennen lassen?

Nein, der Grund für den Namenswechsel ist ein anderer: «Der Gemeindename gab immer wieder zu Missverständnissen Anlass», heisst es auf der Website der Verwaltung. So wurde Dicki zwar für den amtlichen Verkehr verwendet, in der Ortschaft hiess aber bloss ein Landwirtschaftsgebiet so. «Manche Leute suchten Dicki vergeblich, da ja kein Ortsteil und kein Haus diesen Namen trug.» Also benannte sich die Gemeinde an der Grenze zu Freiburg in Kriechenwil um, nach dem grössten der drei Weiler.

Nur: Wie kam der Ort überhaupt zum Namen Dicki respektive Kriechenwil? Einer Sage zufolge hat dies mit einem Einheimischen zu tun, den es vor langer Zeit als Kreuzritter nach Griechenland verschlagen hatte. Als der Mann in die Heimat zurückkehrte, soll er sich im Dicki – althochdeutsch für Dickicht – niedergelassen haben. Man habe den Ort dann «d’s Grieche Wyl» (des Griechen Aufenthalt) genannt. Daraus wurde irgendwann «Kriechenwil».

Arni (BE)

Biel hat seinen Zusatz (BE) im Zuge des Namenswechsels verloren, in Muri soll das Anhängsel «bei Bern» ebenfalls verschwinden. Das Gegenteil war in Arni der Fall. Der Ort wurde 1983 um das Kantonskürzel BE ergänzt.

Die Hintergründe, die damals zur Anpassung des Namens führten, bleiben jedoch nebulös. Bei Wikipedia steht, der Namenswechsel sei seinerzeit zur besseren Unterscheidbarkeit zum aargauischen Dorf Arni erfolgt. Wie in Muri soll also auch in Arni das Pendant im Kanton Aargau als Ärgernis wahrgenommen worden sein.

Die Gemeindebehörden von Arni (BE) zweifeln an dieser Version, konnten auf Anfrage aber nichts über die genauen Hintergründe sagen. Sie gehen davon aus, dass der Name ursprünglich von «Arni bei Biglen» auf «Arni (BE)» geändert wurde. Dies widerspräche indes den Angaben des AGR, wonach die frühere Bezeichnung schlicht Arni lautete.

Quelle: Der Bund 21.4.22