Dystopien

Im grossen Kulturangebot interessiere ich mich auch für schwer Verdauliches. Aber allem gehe ich ängstlich aus dem Weg, was als dystopisch bezeichnet wird. Ich fürchte, solche Werke würden meine latenten Zukunftsängste verstärken. Welchen Gewinn könnte ich daraus ziehen, wenn ich sie mir ansehen würde? „Farm der Tier“ von George Orwell wird als Dystopie bezeichnet. Das Stück wird von der Berner Theatergesellschaft Zytglöggeler einstudiert (Foto).

M. R.

Liebe Frau R.

Dystopien kann man sehr unterschiedlich rezipieren: als Gegenmittel gegen allzu rosigen Fortschrittsoptimismus, als Warnung vor aktuellen gesellschaftlichen oder politischen Tendenzen, als Bestätigung eines ohnehin vorhandenen Kulturpessimismus oder auch als Modell für alle möglichen Verschwörungstheorien. Der Gewinn, den man aus Dystopien zieht (oder nicht zieht), liegt im Auge der Leserin.

Dass Dystopien nicht darauf angelegt sind, gute Laune und Optimismus zu verbreiten, ist selbstverständlich. Das sind die täglichen Nachrichten allerdings auch nicht. Die Welt ist nun einmal kein Feel-Good-Movie. Dystopien konfrontieren einen mit unerfreulichen Entwicklungen, indem sie die Gegenwart auf eine (unerfreuliche) Zukunft hochrechnen.

Was man allerdings nicht vergessen darf: Sie sind Fiktionen. Sie rechnen mit etwas, das unberechenbar bleibt. Sie sind nicht die todsichere Vorhersage eines Kometen, der die Erde in ein paar Monaten treffen wird. Unklug ist es deshalb, sie aus ihrem geschichtlichen Zusammenhang zu lösen. Orwells 1948 publizierte Dystopie «1984» ist keine weit vorausschauende Beschreibung der Zustände im Jahr 1984, sondern eine Kritik des sozialistischen Totalitarismus in der Zeit des Kalten Krieges.

Indem man nur einige Versatzstücke wie das berühmt-berüchtigte «Neusprech» herauspickt und an Beispielen, die man für vergleichbar hält, krampfhaft zu aktualisieren versucht (bis hin zur wahnwitzigen Behauptung, eine gegenderte Sprache sei ein typischer Fall von «Neusprech»), entzieht man Orwells Roman seinen historischen Gehalt. Die ständige Behauptung, irgendetwas sei heutzutage «aktueller denn je», ist «Floskelsprech».

Wer heute China oder Russland kritisieren will, sollte bemerken, dass es in beiden Ländern nicht um die Schaffung eines «neuen Menschen» durch Gehirnwäsche geht, sondern um recht offene Unterdrückung. Dystopien sind ein Instrument der aktuellen Kritik und ein Seismograf für gegenwärtige Befürchtungen; sie sind keine mit Prognosemodellen arbeitende Wissenschaft. Das heisst nicht, dass Fantasien nicht zuweilen die Realität dystopisch übertreffen können, trotzdem soll man im politischen Denken Facts und Fiction nicht umstandslos in einen Topf werfen.

Quelle: Der Bund, 12.1.2022

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